Die Säulen des Respekts

Wenn wir einen Hund bei uns aufnehmen, um mit ihm zu leben, wollen wir einen Freund, der ein Teil unserer Familie, - oder ein Partner werden soll, und wir versuchen ihn in unser Leben zu integrieren, wie wir einen Menschen, den wir mögen, integrieren würden.
Ein Freund braucht Vertrauen. Das Wichtigste in einer menschlichen Beziehung ist das da sein für einen Freund und ihm Liebe und Zuwendung zu geben.
Und wenn wir nun einen Hund zu uns nehmen, tun wir genau das: wir integrieren ihn wie einen Menschen:
Wir schenken ihm Liebe und Zuwendung, wir wollen alles für ihn tun, bieten ihm all das was aus unserer menschlicher Sicht wichtig ist, Bewegung und Beschäftigung / Auslauf und Freiheit, viele Kontaktmöglichkeiten zu seinen Artgenossen, und von dem allem, was wir ihm bieten, verlangen wir nur wenig: er soll in bestimmten Situationen auf uns gehorchen.
Wir wollen unsere Hunde oft nicht ändern, weil sie uns zum Lachen bringen. Viele Dinge sind stimmig, zu Hause sind sie die liebsten Hunde der Welt. Sie lieben unsere Kinder, lassen alles mit sich machen, sind verschmust, usw.
Oder wir haben das Gegenteil, einen Hund aus dem Tierschutz zum Beispiel, der auf alles Mögliche mit Unsicherheit reagiert, und bei dem wir mit unserer Zuwendung menschlicher Art nicht weiterkommen.
Dabei versetzen wir uns selten in die Lage unserer Hunde.
Hunde sind keine Einzelgänger. Sie sind soziale Lebewesen, und ihr tief verwurzeltes Bedürfnis nach Gemeinschaft ist in ihnen verankert. Sozial bedeutet, dass sie nur in der Gemeinschaft glücklich und erfüllt sein können und nur auch in dieser überleben können.
In einem Rudel haben Hunde keine Namen, sondern nehmen eine bestimmte Position ein. Alle Mitglieder sind gleich wichtig. Auch wenn Leittiere „das Sagen“ haben, heißt das nicht, dass sie mehr wert sind.
Hunde leben in einer Welt des „Wir“ und sind pausenlos damit beschäftigt, uns Menschen zu beobachten und aus unserem Verhalten – dass war wir mit unserem Köper tun - Hinweise darauf zu bekommen, was wir von ihnen wollen.
Im natürlichen Umfeld sozialer Lebewesen sind Ordnung und Disziplin unglaublich wichtig. Hunde sind Rudeltiere und bestens auf die Regeln eine Gruppe eingestellt.
Was ist ein Rudel? – eine Familie! Bestehend aus Eltern und Kindern.
Wenn wir einen Hund in unsere Familie aufnehmen, haben wir kein Rudel, auch wenn evtl. schon andere Hunde im Haushalt leben. Wir haben eine soziale Gemeinschaft, in der etwas Wesentliches fehlt, dass in einer Familie bereits gegeben ist – der Respekt und das Vertrauen den Eltern gegenüber.
Während ein Mensch von einer Beziehung Liebe, Zuneigung und Harmonie als höchstes Gut erwartet und alles diesem Zweck unterordnet, geht ein Hund eine Beziehung grundsätzlich erst mal nur aus einem einzigen Grund ein: Er will überleben.
In der Natur sind Respekt, Disziplin, Regeln und Grenzen etwas Positives, da sie das Überleben sichern.
Das Überleben ist also nur gesichert, wenn es eine Struktur gibt innerhalb der Gruppe, die eingehalten wird. Diese Disziplin ist das, was die Gruppe erst in die Lage bringt, überlebensfähig zu sein.
Eine Mutterhündin erzieht ihre Welpen vom ersten Tag. Ein falsches Verhalten wird immer korrigiert, angemessen der Situation. Ein Fixierblick, ein Knurren oder ein Schnappen. Dabei ist die Korrektur keine Strafe, sondern führt zum Abbruch des Verhaltens und zu einer Beruhigung.
Sie erwirbt sich den Respekt von Anfang an.
Wir Menschen erziehen Kinder ähnlich. Einer der wichtigsten Dinge, die wir als Kinder gelernt haben, ist das nein. Nein zu lernen, bedeutet den momentanen Verzicht zu lernen und mit der dadurch entstehenden Frustration umgehen zu können.
Wenn unsere Eltern uns vor dem schlafen gehen die Cola verboten hatten, hieß das, dass wir nie mehr Cola trinken durften?
So ist ein Verzicht immer nur situativ.
Die meisten Hunde haben bei uns Menschen niemals den Verzicht gelernt, sie verbinden unser nein mit einem: ich warte!
Das Leittier „Mensch“ ist nicht der „Boss“ mit der „Macht“, ein erbarmungsloser Diktator, sondern der, der die Verantwortung für die Struktur trägt.
Respekt und Vertrauen gehen Hand in Hand und sind der Grundstein einer guten, tiefen und innigen Beziehung zum Hund.
Hunde brauchen Vertrauen in unsere Handlungen, nicht in unsere Worte.
Die Säulen des Respekts als Basis der Beziehung:
Wir müssen alle Säulen mit dem eigenen Hund ausgearbeitet haben, denn sie sind nicht isoliert zu betrachten, sondern greifen in einander. Alle grundlegenden Probleme im Alltag können auf diese Säulen und ihren Effekt auf die Beziehung zum Menschen herunter gebrochen werden. Die Übungsmöglichkeiten sind unerschöpflich und je mehr Phantasie und Liebe man in diese Übungen legt, desto mehr wird man den Erfolg und die Kommunikationsbereitschaft des Hundes spüren.
Erste Säule: Jederzeit Ruhe erzeugen zu können
Unseren Hund aus jedem Erregungslevel in die Ruhe und Entspannung bringen zu können, so, dass er liegt, der Puls sich beruhigt hat und jede Anspannung aus dem Körper gewichen ist.
Kann ich jederzeit Ruhe erzeugen, kann ich immer dafür sorgen, dass mein Hund überhaupt in der Lage ist, mit mir zu kommunizieren.
Zweite Säule: Eingrenzung
Eingrenzung bedeutet Einschränkung
Die erste Eingrenzung ist die Leine. Mit ihr hat der Hund nur einen vorgegebenen Radius, den er einhalten soll. Alles, was darüber hinausgeht, soll ihn nicht so motivieren, dass er beginnt, gegen das Ende der Leine zu kämpfen. An der Leine zu gehen, ist wie Händchen halten und Orientierung am Menschen ohne Kommando.
Eine weitere Art der Eingrenzung ist es, den Hund auf einer Stelle begrenzen zu können, ohne dabei auf Hilfsmittel wie Festbinden oder einsperren zurück zu greifen, und ohne ein erlerntes Kommando zu benutzen. Kann ich meinen Hund in jeder Situation durch meine Körpersprache eingrenzen, bin ich in der Lage zu jeder Zeit die Dinge zu klären, die ihm schaden oder andere gefährden könnten.
Eine Grenze zu setzen, bedeutet niemals Schmerz zuzufügen oder Gewalt anzuwenden. Denn weder Angst, noch Schmerz oder massive Verunsicherung sind die Basis für eine stabile Beziehung.
Dritte Säule: Situativer Verzicht (meins und deins)
Hunde beanspruchen die Dinge für sich, die ihnen in diesem Moment wichtig sind. Das kann eine Beute (Spielzeug) genauso sein, wie Futter, menschliche Nähe oder der geliebte Hundekumpel. Dabei beanspruchen sie diese Dinge in den seltensten Fällen dauerhaft, sondern fast ausschließlich situativ.
Im Gegensatz zu Menschen, die Dinge, die ihnen gehören und die sie schützen wollen meist wegstecken (z.B. in der Jacke verstecken, hinterm Rücken verstecken, einpacken), gehen Hunde ganz anders vor. Dinge, die sie beanspruchen präsentieren sie ihrem Gegenüber. Und je nach Reaktion verteidigen sie sie und testen dann wieder aus, ob das Gegenüber den Besitzanspruch verstanden und akzeptiert hat. Sie sind erst zufrieden, wenn dieses Ziel erreicht ist und das Gegenüber uneingeschränkt den Verzicht erklärt hat.
Für uns ist es elementar, ebenso vorgehen zu können, Dinge die uns und/oder dem Hund wichtig sind, jederzeit beanspruchen zu können und in einer anderen Situation dann wieder mit ihm zu teilen. Situativ und willkürlich – wie es bei Hunden der Fall ist. Dabei geht es auch hier weder um physische Überlegenheit, Kommandos oder ärgerliche Worte, die den Hund hemmen und zur Herausgabe bringen sollen, sondern unsere Körpersprache. Gezielte Signale, eindeutige Gesten statt Zorn, Wut, Verzweiflung, Kasernenton oder gar Hilflosigkeit, weil der Hund den teuren Schuh nicht mehr hergeben will. Wenn wir nicht jederzeit in der Lage sind, einen situativen Verzicht einzufordern, werden wir auch nicht in der Lage sein, das Kaninchen, die Nachbarskatze, die Geburtstagstorte oder das eigene Abendessen zu verbieten.

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